Bindegrün

Eine Einnahmequelle

Die "gute alte Zeit" war für viele Menschen im Fricktal keineswegs so heil und problemlos, wie es aus heutiger Sicht vielleicht scheinen mag. Viele Familien lebten am Rande der Armutsgrenze und die Leute mussten einige Fantasie aufbringen, um neben dem mageren Einkommen aus dem kleinen Bauernbetrieb noch etwas zusätzliches Geld zu verdienen. 

Eine der Möglichkeiten war die Posamenterie (Bandweberei). Wie im benachbarten Baselbiet gab es auch in Wittnau viele Familien, die für die Heimarbeit einen Bandwebstuhl in ihrer Stube hatten. 

Eine andere Verdienstmöglichkeit war der Versand von Bindegrün. In der näheren und weiteren Umgebung wurden Waldpflanzen, vor allem Efeu, gesammelt, zuhause in Schachteln oder Körbe verpackt und ins Ausland versandt. 

Zeugen dieses internationalen Handels sind die hier abgebildeten Dokumente: ein Insertions-Auftrag in einer Berliner Gärtner-Fachzeitung, die Antwort eines potenziellen Kunden in München, eine Bestellung aus Dortmund, eine Postkarte eines Wittnauers an einen Kunden in Schweden und ein Nachnahme-Dokument einer Efeu-Lieferung von 1923 nach Stockholm.


Gottfried Herzog gab in der "Verbandszeitung Deutscher Blumengeschäfts-Inhaber" ein Inserat auf  (Original bei Beat Walde, Wittnau)
Gottfried Herzog gab in der "Verbandszeitung Deutscher Blumengeschäfts-Inhaber" ein Inserat auf (Original bei Beat Walde, Wittnau)
So sah das Inserat aus.
So sah das Inserat aus.

Postkarte von Arnold Kaufmann in München, königlich bayrischer Hoflieferant
Postkarte von Arnold Kaufmann in München, königlich bayrischer Hoflieferant
Leider nein!
Leider nein!

Herrn Gottfried Herzog, Wittnau.

 

                          In Erhalt Ihres Briefes vom

28. a. teile Ihnen mit, daß ich für Wald=

grün keinen Bedarf habe da ich sehr

wenig davon verarbeite. Muß daher Ihr

Offert bestens dankend ablehnen.  

 

              Hochachtend.

 

München, d. 29. Okt. 1907       Ihr A. Kaufmann

 

 


Nachnahme-Karte aus dem Jahr 1923: Hermann Speiser  sandte einen Korb Efeublätter via Berlin nach Stockholm. Der Kunde bezahlte dafür Fr. 12.–  .
Nachnahme-Karte aus dem Jahr 1923: Hermann Speiser sandte einen Korb Efeublätter via Berlin nach Stockholm. Der Kunde bezahlte dafür Fr. 12.– .

Auch während des Erste Weltkriegs konnten Efeuranken nach Deutschland geliefet werden. (Bestellung 25. April 1915, Conrad Wachtmann, Dortmund)
Auch während des Erste Weltkriegs konnten Efeuranken nach Deutschland geliefet werden. (Bestellung 25. April 1915, Conrad Wachtmann, Dortmund)
Schicken Sie einen Korb Efeuranken sofort ab.
Schicken Sie einen Korb Efeuranken sofort ab.

abgestempelt in Wittnau am 16. November 1927
abgestempelt in Wittnau am 16. November 1927
Postkarte von Gottfried Liechti an einen Kunden in Stockholm   (Original bei Christoph Benz)
Postkarte von Gottfried Liechti an einen Kunden in Stockholm (Original bei Christoph Benz)

Firma A.-B. Nordiska Frühandeln Stockholm

 

         Besitze dankend Ihr wertes [Schreiben] v. 11. dies.

Es wundert mich sehr, warum Sie jetzt die

Sendung abstellen, da Sie doch andere Jahre um

diese Zeit gerade am meisten Efeu gebrauchten?

Bitte um Ihre werten Nachrichten. Hoffe Ihnen auch

bald wieder Sendung machen zu können, da es bald bunte 

Ware gibt. Ihrer Rückäussung [?] bald entgegen sehend, zeichnet

                                                                              Hochachtungsvoll

Wittnau, 16. Nov. 1927.                                         Gottfried Liechti


Noch im Telefonbuch der Jahre 1949 / 1950 sind zwei Bindegrün-Lieferanten aufgeführt:

 

«Rüetschti A. & Sohn: Gärtnerische Waldpflanzen u. Bindegrünversand»         7  12  03

und

«Walde Emil (-Schmid): Gärtnerische Waldpflanzen u. Bindegrünvers.»            7  12  20

 

 


Eine Foto des Bindegrün-Sammlers Johann Liechti finden Sie hier.


Weiter Informationen zu diesem Thema sind in der Jahresschrift «Adlerauge» 1996 nachzulesen.

(S.11: Heidi Tschudi-Burkart: Bindegrün-Versand aus Wittnau)